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Geschichte und Soziologie des Schlafs
1. „Vier von zehn Belgiern schlafen schlecht“
2. Evolutionsgeschichte
3. Schlafgewohnheiten
4. Wo schlafen Sie
5. Wie schlafen Sie
6. Frauen schlafen auf ihren Seiten, Männer schlafen auf ihren Bauch oder Seiten
7. Schlafdefizit
8. Schlaftiefe
Ich habe nur zwei Götter, Dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir, was zu heilen ist.
Goethe an Charlotte van Stein |
1. „Vier von zehn Belgiern schlafen schlecht“
Quelle: Het Nieuwsblad vom 5.10.2004
Warum schlafen wir eigentlich noch immer? Von allen Primaten schläft der Mensch bereits am kürzesten. Behauptete Thomas Edison nicht vor einem Jahrhundert, dass mit der Erfindung der Elektrizität und der künstlichen Beleuchtung Schlafen eigentlich überflüssig sei?
Schlafen zu müssen, weil es zu dunkel wird, um noch sicher zu jagen oder Nahrung zu sammeln, gehört heutzutage tatsächlich für die meisten Menschen der Vergangenheit an. Künstliches Licht macht es tatsächlich möglich, Fabriken in drei Schichten produzieren zu lassen, Geschäfte rund um die Uhr zu öffnen, ein tolles Nachtleben zu haben und sogar zu Hause in der Nacht noch viele interessante Dinge zu tun anstatt schlafen zu müssen.
Warum also schlafen wir noch immer? Warum verlieren wir ein Drittel unseres Lebens an etwas, das so ähnlich aussieht wie „Tod zu sein“? Finden wir das so genussvoll?
Chronische Kurzschläfer
Napoleon Bonaparte blieb Tag und Nacht auf und litt deshalb an chronischem Schlafmangel. Er schlief nur kurze Zeit, niemals länger als ein paar Stunden. Thomas Edison erfand das künstliche Licht und hielt den Schlaf für eine „bedauernswerte Regression hin zum primitiven Verhalten eines Höhlenbewohners“. Albert Einstein war ein Vielschläfer. Auch im Laufe des Tages nickte er regelmäßig ein. Er behauptete, das mache ihn viel kreativer. |
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2. Evolutionsgeschichte
Und doch gibt es etwas, das uns zwingt zu schlafen. Ist es die Ermüdung unserer Muskeln und unseres Geistes, die für Schlafbedarf sorgt? Oder befehlen unsere Gene uns in einem 24-stündigen Tagesrhythmus, jetzt schlafen zu gehen? Die Wissenschaft hat das noch nicht klären können.
Als Homo sapiens haben wir eine lange Evolutionsgeschichte hinter uns. Auch heute haben wir noch stets den Körper des Jägers und Sammlers von einst, inklusive eines Schwanzrelikts, des Steißbeins. Weit vor dem ersten Homo habilis bis noch vor gar nicht so langer Zeit war der Mensch im Dunklen sehr verletzlich. Er lebte allein oder in einer Gruppe, musste aber jederzeit wachsam bleiben.
Er schlief versteckt und so gut wie möglich geschützt, zum Beispiel in Höhlen oder an höher gelegenen Stellen, bei denen der Eingang oder der Zugang bewacht werden konnten. Das Feuer nicht ausgehen zu lassen, aufzupassen und andere überlebenswichtige Tätigkeiten gestatteten es unseren Vorfahren sicher nicht, mehrere Stunden am Stück „bewusstlos“ zu sein. Ihre Nacht wurde mehrmals durch aktive Momente unterbrochen und selbst heutzutage schlafen primitive Völker auch nachts in mehreren kurzen Schlafabschnitten hintereinander. Weil sie sich in Gruppen und Hierarchien organisierten, konnte die Nachtwache auf eine kleine Gruppe beschränkt werden. So konnte sich der moderne soziale Schlaf entwickeln, in dem diese kurzen Schlafabschnitte an einem Stück durchgeschlafen wurden, am besten ohne zwischendurch wach zu werden.
Wir fallen in Schlaf durch Dämpfe, die aus unserem Magen aufsteigen.
Aristoteles, griechischer Philosoph |
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3. Schlafgewohnheiten
Bei uns in den westlichen Ländern schläft jeder tatsächlich einen Schlaf, der aus fünf Zyklen besteht, die wiederum in verschiedene Phasen eingeteilt werden. Beim Studium des Schlafverhaltens auf anderen Kontinenten als Europa sowie bei vielen Studienreisen stellte ich fest, dass viele Völker an völlig anderen Schlafgewohnheiten festhalten.
Kennzeichnend für ihr Schlafverhalten ist, dass die Bevölkerungsgruppen, die der Natur noch am nächsten sind, nachts nicht „in einem Stück“ durchschlafen, sondern den Schlaf aktiv unterbrechen. Zur Erklärung des noch immer häufig vorkommenden „Mittagsschläfchens“ spielt das Klima gewiss eine ebenso große Rolle wie Dunkelheit. Sogar in China liegen über die Mittagszeit die meisten Fabriken und Verwaltungen still. In Japan ist das Nickerchen mittags im Büro auch heute noch populär. Bombay brodelt bereits um 5 Uhr am Morgen vor Aktivität, die Einwohner von Abidjan kommen dagegen erst gegen 23 Uhr richtig gut in Fahrt.
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4. Wo schlafen Sie
Nicht jeder gibt seinem Schlafbedürfnis überall auf dieselbe Weise nach: Häufigere, kürzere und über den ganzen Tag verteilte Schlafzeiten auf dem Boden, auf einer Bank, einem Stuhl oder Bett begegnet man öfter, als unserem modernen sozialen Schlaf von 23 Uhr abends bis 7 Uhr morgens in einem ordentlich gemachten Bett. In den westlichen Ländern ging die Entwicklung vom Schlafen in einer Art Nest oder in einer Höhle hin zu besser geschützten Kammern oder Turmzimmern, in denen mehrere Menschen oder Familien mit den Füßen zum Feuer hin die gegenseitige Wärme und den Schutz suchten. Sie schliefen in Betten, die sie vor Feuchtigkeit, Kälte und Ungeziefer schützten. Sie bestanden aus Fellen, mit verschiedenen elastischen Materialien gefüllten Säcken und Decken, die sogar auf die Kiste mit den kostbarsten Besitztümern gelegt wurden.
Griechen und Römer lebten und aßen auf ihrem Bett. Im Mittelalter schliefen die Streitbarsten sitzend in voller Kriegsmontur, um schnell zum Kampf bereit zu sein, während die anderen Männer, die Frauen und Kinder gesellig nackt unter die Felle krochen. Viktorianische Prüderie und neue Ideen die Hygiene betreffend, brachten uns Nachtkleider, Schlafmützen, individuelle Schlafzimmer und Betten. Französische Könige empfingen ihre Untertanen halb in ihrem Bett sitzend.
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5. Wie schlafen Sie
Noch immer schlafen 70 % der Bevölkerung zusammen mit jemand anderem und seit etwa hundert Jahren hat die westliche Welt eine Entwicklung zum Schlafen in individuellen Schlafzimmern vollzogen, in die sich Eltern oder Kinder zurückziehen können.
Ab der Erfindung der Matratze mit Metallfederkern und des Bettkastens schlafen wir vollkommen waagerecht und die Sitzkissen haben langsam Platz gemacht für moderne, mehr oder weniger hygienische Betten.
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6. Frauen schlafen auf ihren Seiten, Männer schlafen auf ihren Bauch oder Seiten
Eine Umfrage im Jahr 1996 bei 2.000 meiner Kunden ergab, dass 78 % der Frauen auf der Seite schlafen und 72 % der Männer auf der Seite oder auf dem Bauch.
Das klingt logisch, wenn wir bedenken, dass die meisten gesunden Frauen früher häufig schwanger waren und dadurch kaum anders liegen konnten. Außerdem ist so der Fötus besser geschützt.
Männer sind dagegen besser durch ihren Rücken geschützt und können sich in dieser Haltung auch schneller aufrichten. Andere Studien zeigen, dass 15 % aller Menschen auf dem Rücken schlafen, 24 % auf der linken Seite, 47 % auf der rechten Seite und 14 % auf dem Bauch.
Aber wir liegen immer häufiger auf dem Rücken, nicht nur aufgrund der harten Matratzen, die unsere Schlafprofil stören, sondern weil elektrisch verstellbare Lattenroste inzwischen König Fernsehen sogar bis in das Schlafzimmer bringen. Wir verfügen heute rund um die Uhr über Licht, digitalisierte Kommunikation, ein weltweit verzweigtes Informationsnetz und sogar bei Nacht über einen permanenten Zugang zu jeder Form von Zeitvertreib und Erholung bis ins Schlafzimmer hinein.
toe.
| Der König schläft auf dem Rücken, der Weise auf der Seite und der Reiche auf dem Bauch. |
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7. Schlafdefizit
Wir arbeiten und reisen in der Nacht, aber wir spüren, dass wir dadurch eine Art Schlafdefizit aufbauen. Vielleicht können wir tatsächlich 24 Stunden am Tag funktionieren, ohne viel Zeit mit Schlaf zu verlieren? Wenn wir die technologischen Veränderungen des letzten Jahrhunderts im Vergleich zu unserer gesamten Evolution betrachten, dann haben diese sich sozusagen innerhalb einer Sekunde vollzogen, während unser Körper 30.000 Jahre benötigt hat, um sich vom Homo sapiens zum modernen Menschen zu entwickeln.
Seit der Erfindung der Glühlampe 1936 können wir technisch mit Nachtarbeit umgehen, können immer gehetzter leben und auch mitten in der Nacht Informationen und Unterhaltung abrufen.
Anzahl der Stunden Schlaf innerhalb von 24 Stunden
Esel 3
Pferd 3
Kuh 4
Delfin 7
Schwein 8
Hund 9
Schimpanse 10
Gorilla 12
Katze 15
Fledermaus 20 |
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8. Schlaftiefe
Aber wie flexibel ist unser Schlafbedürfnis? Verschwenden wir einfach so ein Drittel unseres Lebens?
Je mehr ich über das Schlafen weiß, desto mehr begreife ich, dass unsere heutigen Probleme eher einem Mangel an Schlaf zuzuschreiben sind, als einer Zeitverschwendung durch Schlaf. Schlechter Schlaf ist das größte Leiden unserer Zeit, aber die moderne technologische Gesellschaft und unsere hohe Lebenserwartung fordern gerade jetzt, dass wir unseren Schlaf mehr als früher optimal nutzen. In Schlaflaboren rund um den Erdball wird unter Laborbedingungen ein Schlafdefizit erzeugt und das Verhalten der Testpersonen studiert.
Jede Studie lässt erkennen, dass uns sogar ein kleiner Schlafmangel weniger effizient funktionieren lässt. Das kann zum so genannten Sekundenschlaf führen, der übrigens die wichtigste Unfallursache am Arbeitsplatz und im Verkehr ist.
Was ist nun eigentlich so wichtig an unserem Schlaf, das müssten Sie doch wissen?!
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